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Was ist Ju-Jutsu? Viele Neueinsteiger stellen diese Frage, wenn sie mit Ju-Jutsu beginnen. Vor ein paar Jahren noch hätte der ein oder andere Übungs­leiter/Trainer vielleicht geantwortet: „Ju-Jutsu ist die Zusammenfassung der effektivsten Techniken aus dem Judo, Karate und Aikido und wurde in Deutschland entwickelt“ Dazu hätte man vielleicht noch erklärt, daß Judo einen großen Wurf- und Hebelanteil beisteuert, aus dem Karate alle Schlag-, Tritt- und Stoßtechiken stammen (= Atemitechniken) und Aikido Würfe und Hebel unter starker Umsetzung der Angriffsenergie einfließen läßt. Doch diese pauschale Antwort ist nicht mehr 100%ig korrekt.

 

Im Jahr 1965 erhielten mehrere hohe Dan-Träger den Auftrag durch das Deutsche Dan Kollegium (DDK) ein Selbstverteidigungssystem auf der Basis der bestehenden Kampfsyst­me zuschaffen. Man war der Auffassung, daß die bestehenden Systeme zwar irgendwo einen Selbstverteidigungscharakter hatten, aber auf Grund von Wettkämpfen viele wirkungsvolle Techniken nicht mehr gelehrt wurden. Andere Systeme waren offensichtlich nicht flexiebel genug. Man erinnerte sich zwar noch an das japanische Jiu-Jitsu, was in der ein oder anderen Judoschule noch als Selbstverteidigungskomponente gelehrt wurde, aber das war offensichtlich nicht mehr zeitgemäß.

So machten sich Otto Brief, Werner Heim, Franz-Josef Gresch, Richard Unter­burg, Klaus Münsterman und weitere hohe Danträger daran die bestehenden Systeme nach „brauchbaren“ Techniken zu durchleuchten und schufen aus Judo, Karate und Aikido sowie einigen Jiu-Jitsu Techniken ein rein auf die Selbstverteidigung ausgerichtetes System. Das deutsche Ju-Jutsu war gebo­ren. Auf dem Deutschen Dan Tag des DDK, am 28.01.1968 wurden die Prü­fungsrichtlinien erarbeitet, die 1969 in Kraft traten. Ju-Jutsu wurde fortan als Sektion im DJB betrieben. Trotz der raschen Verbreitung des Systems dauerte es noch bis Mitte der 70er Jahre, bis auch im Saarland erstmals Ju-Jutsu be­trieben wurde.

Nach dem nun bereits Karate, Aikido und Ju-Jutsu eine Heimat beim DJB ge­funden hatten (der DJB verstand sich zu der Zeit als Dachverband für Bu­dosportarten) wurde 1972 eine weitere Sektion Teakwondo gegründet.

Anfang der 80er Jahre gab es bereits Bestrebungen das Ju-Jutsu interessanter zu gestalten. Man versuchte ein Wettkampfsystem zu erarbeiten, das einer­seits die Anwendung von Ju-Jutsu Techniken in relativ realistischer Form ermöglichte, aber andererseits auch Verletzungen weitgehend ausschließt.

Nach den neuen deutschen Wettkampfregeln wurden dann 1985 zum ersten mal in Bayern Landesmeisterschaften ausgetragen. Im Jahre 1987 wurden in Berlin dann die ersten Deutschen Meisterschaften ausgetragen. Auf interna­tionaler Ebene gab es aber teilweise große Unterschiede zu dem deutschen Regelwerk, sodaß Kämpfer, die auf Europäischen oder Weltmeisterschaften antreten wollten sich umstellen mußten. Trotz diesem Hindernis ist in Anfängen des deutschen JJ-Kampfsystems dem Saarländer Rolf Hecktor ge­lungen mehrfach erfolgreich auf internationaler Ebene zu Kämpfen. Im Laufe der Zeit hat man aber erkannt, daß man im alleingang auf nationaler Ebene kein Kampfsystem halten kann und das Regelwerk in Deutschland an das in­ternational gültige angepaßt Somit gibt es heute Meisterschaften im Figh­ting (Einzel- und Mannschaftswertung), Duo (genau festgelegte Technikreihen mit Partner, bei den die Ausführung, Dynamik usw. Bewertet werden, in etwa vergleichbar mit den Kata's im Karate) und Formenkampf (freie Interpretation und Päsentation von Ju-Jutsu Prinzipien, die denen die effektivität des Ju-Jutsu herausgestellt werden soll).

Nachdem sind das Ju-Jutsu Wettkampfsystem als erfolgreich bewiesen hat und deutsche Wettkämpfer auf internationaler Ebene immer öfter vertreten waren, stellte sich heraus, daß die vom DJB zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel bei weitem nicht ausreichten die mittlerweile entstandenen Kosten zu decken. Es wurden die ersten Gedanken gefaßt, sich vom DJB zu lösen und einen eigenen Dachverband zu gründen. Am 20. Januar 1990 fand dann die Gründungsversammlung des Deutschen Ju-Jutsu Verbandes (DJJV) statt. Der erste Präsident war Gerhard Schröder (nein, nicht unser Alt-Bundeskanzler ;-)) Im Jahre 1992 wurde der DJJV im DSB aufge­nommen. Im Laufe der Zeit hat man erkannt, daß nicht nur das Wettkampfsys­tem überarbeitungsbedürftig war, sondern auch das Ausbildungs- und Prü­fungsprogramm. Das neue Prüfungsprogramm, das unter dem Kodenamen "JJ2000" entwickelt wurde, trat mit Wirkung vom 01.01.2000 in Kraft. In dem neuen Konzept sind von Anfang an Elemente eingebaut, die sowohl für die freie Selbstverteidigung aber auch im Wettkampfsystem Anwendung finden. Außerdem legt man nun größeren Stellenwert auf die Einhaltung der Prinzipi­en bei der Ausführung einer Technik.

Doch was ist dieses Ju-Jutsu denn nun wirklich? Wenn man die Silben über­setzt stellt man fest „Ju“ bedeutet „sanft“ d.h. ausweichen, anpassen, nachge­ben. „Jutsu“ bedeutet „Kunst“ oder „Kunstgriff“. Frei übersetzt bedeutet Ju-Jutsu die Kraft eines Angreifers durch Ausweichen oder Nachgeben für sich selbst zu nutzen und ihn damit letztendlich zu besiegen.

Alle Techniken werden nach dem ökonomischen Prinzip ausgeführt, d.h. mit dem gringstmöglichen Aufwand den größtmöglichen Nutzen davon zu tragen.

Weiter kann man alle Techniken situationsgerecht in harter oder weicher Form mit weiteren Zwischenstufen ausführen, so das das Prinzip der Verhält­nismäßigkeit zur Anwendung kommt. Damit die Techniken ihre volle Wirkung erhalten kommt es nicht auf besonders kraftvolle Ausführung an, sondern auf die Einhaltung von bestimmten Prinzipien einer Technik. Denn nur so ist es möglich, daß der oder die vermeindlich Schwächere sich gegen einen stärke­ren Angreifer verteidigen kann. Die Vielfalt der Techniken im Ausbildungspro­gramm, ermöglicht es jedem Einzelnen, ganz gleich welches Alter oder Ge­schlecht, sich seine Techniken zu suchen.

Die Ausbildung nach dem neuen Prüfungsprogramm ist in der Gesamtheit lo­gisch aufgebaut. Bewegungsformen und Techniken bauen aufeinander auf und und Steigern sich im Laufe der Ausbildung in ihrer Komplexität und können auch mit einander kombiniert werden.

Neben dem regelmäßigen Techniktraining werden aber theoretische Grund­lagen der Konfliktbewältigung und Selbstbehauptung ohne den Einsatz kör­perlicher Gewalt vermittelt. Darüberhinaus gibt es auch Konzeptionen für die Ausbildung bestimmter Personengruppen, wie z.B. Selbstverteidigungskurse für Kinder oder Mädchen und Frauen, die in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämter der Bundesländer durchgeführt werden.

Im Ju-Jutsu sind in der Zwischenzeit Erkenntnisse vieler Kampfsportarten ein­geflossen, aber neue Erkenntnisse nach dem Grundsatz „aus der Praxis für die Praxis“. So hat sich im Laufe der Zeit aus dem Ju-Jutsu der 60er Jahre ein modernes und sehr effektives Selbstverteidigungssystem entwickelt, in dem an sich auch auf Wettkampfebene mit anderen messen kann.

Dies haben auch die Sicherheitbehörden erkannt, denn bei den Polizeien der Länder und des Bundes ist Ju-Jutsu ein festes dienstliches Ausbildungsfach.