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Problemfeld Messer

so lautete das Thema des Landeslehrgangs des Saarländischen Ju-Jutsu Verbandes am 9. November 2008. Der Polizeibeauftragte im Saarländischen Ju-Jutsu Verband, Andreas Weyrich (6. Dan) war Initiator dieser Veranstaltung. Als Co-Referent war Thomas Daub (1. Dan , Technikergrad WT) eingeladen. Zielgruppe waren interessierte Ju-Jutsuka ab 1. Kyu. Dass dieses Thema nicht uninteressant war zeigte die lange Warteliste, da der Lehrgang auf 20 Teilnehmer begrenzt war.

Andreas und Thomas referierten in erster Linie als Polizeibeamte mit jahrelanger Erfahrung im Sondereinsatzkommando der Saarländischen Polizei und haben absichtlich die sportliche Seite des Ju-Jutsu in den Hintergrund gestellt.

Zu Beginn sollte in einen Brainstorming die Erwartungen der Lehrgangsteilnehmer an diesen Lehrgang gesammelt werden. Dann ging es erstmal auf die Matte. Partnerweises Üben der bisher persönlich trainierten Abwehrhandlungen gegen die 5 "prüfungsrelevanten" Messerschnittangriffe war die Aufgabe. Danach tauschten die Angreifer das Übungsmesser gegen einen dicken Edding-Marker. Farbige Markierungen an Armen und am Körper zeigten hierbei auf wo man überall mit der Messerklinge in Berührung kam. Berührungen, die mit einer realen Waffe zu Verletzungen geführt hätten. Bei der nächsten Aufgabenstellung hatten die Angreifer die Aufgabe die Verteidiger mit dem Edding-Stift zu treffen zu wollen. Spätestens jetzt wurde auch den letzten klar, dass vieles was trainiert wird und teilweise auch in Gürtelprüfungen demonstriert wird, leider garnicht so einfach in die Realität zu übertragen ist! Die T-Shirts und auch die Arme wurden immer bunter. Es wurden Treffer kassiert, die mit einem richtigen Messer lebensbedrohliche Folgen hätten.

Nun folgte wieder ein theoretischer Teil. Verschiedene Filmsequenzen aus einem amerikanischen Polizeilehrvideo, zeigten Situationen mit Messerattacken auf Polizeibeamte, in die man in der heutigen Zeit leider auch als Privatpersonen geraten kann. Eine Sammlung von diversen Messern, sowie Stich- und Hiebwaffen, die Thomas und Andreas zusammengetragen hatten, zeigte, womit man auf der Strasse konfrontier werden kann. Die Waffen sind teilweise freiverkäuflich bzw. können problemlos im angrenzenden Ausland beschafft werden. Einigen der Teilnehmer wurde es dann doch etwas mulmig. Ein weiteres Video zeigte diverse Tests von Messern, wie man sie im Handel erwerben kann. Es war schon imposant zu sehen wie man mit einem Messer, richtig geführt, ein freihängendes Kunststoffseil, welches beim Bergsteigen verwendet wird, problemlos mit einem Hieb durchtrennen kann. An freihängenden Fleischbrocken wurden die Auswirkungen von unterschiedlichen Messern demonstriert. Was ein Messer am menschlichen Körper auszurichten im Stande ist, konnte sich dann jeder selbst ausmalen.

Im folgenden Teil gingen Andreas und Thomas dann auch unterschiedliche Täterprofile ein. Danach sollte dann wieder praktisch geübt werden. Die Spuren vom Beginn des Lehrgangs waren noch jedem anzusehen. Dass viele auf Lehrgängen vermittelte oder selbsterarbeitete Verteidigungsstrategien bei Messerangriffen oft nicht funktionieren, liegt zu einem recht großen Teil an dem Stress dem der Verteidiger in der Situation des Messerangriffs ausgesetzt. In der Hochstressphase ist der Körper bekanntlich nur zu sehr grobmotorischen Bewegungen fähig. Nur sehr wenige hochtrainierte Kampfsportler sind dann noch in der Lage eine Abwehrfolge im Dreier-Kontakt erfolgreich durchzuführen. Dass dies stimmt, sollte ein Rollenspiel zeigen. Ein Liebespaar ist in einer Diskothek, extrem laute Death-Metal-Musik hämmert aus den Lautsprechern. Ein Passant (von Thomas Daub gespielt) baggert die Frau an, die nichts von ihm wissen will. Es kommt zu Handgreiflichkeiten zwischen den Männern. Ein Schlagangriff wird erfolgreich abgewehrt. Der Angreifer will in "seiner" Disko nicht das Gesicht verlieren, weil man ihn in die Schranken verwiesen hat. Das Messer ist gezogen und schon droht die Situation zu eskalieren. Auf diese oder ähnliche Weise kann jeder in die Situation eines Messerangriffs kommen. Eine Strategie zuentwickeln, mit deren Hilfe man solche Situation ohne lebensbedrohliche Verletzungen überstehen kann war nun das Ziel. Wie eingangs erwähnt, kommen komplexe Verteidigungshandlungen kaum in Frage. Vorrangiges Ziel ist es zunächseinmal lebenswichtige Körperbereiche zu schützen. Andreas und Thomas demonstrierten nun Verteidigungsmöglichkeiten, die alle ins Zentrum des Angreifers abzielen. Explosionsartiges vorpreschen im Falle des Angriffs und eingene starke Angriffe auf Vitalpunkte des Angreifers, mit dem Ziel im Optimalfall eine finalisierende Atemitechnik ins Ziel zubringen war die Devise. Doch genau dieses Vorstürmen bereitete dem ein oder anderen ein Problem. Um die starke Verteidigung zu optimieren wurde nun auch mit Schlagpolstern gearbeitet, damit der Verteidiger auch wirklich voll zuschlagen konnte.

Zum Abschluss des eingentlich viel zu kurzen Lehrgangs stellte Andreas ganz klar heraus, dass Ju-Jutsu mit einer Menge Spass verbunden sein kann. Kommen allerdings gefährliche Waffen wie Messer ins Spiel, dann hat der Spass ein Ende. Hier muss mit vollem Ernst und äusserster Konzentration gearbeitet werden, wenn auch nur den Hauch einer Chance haben will.

Interessanterweise deckten sich die am Morgen gesammelten Erwartungen an den Lehrgang, mit dem was Andreas und Thomas präsentiert haben nahe zu komplett. Das Resumee durchweg aller Teilnehmer war der Wunsch nach einer Fortsetzung von Lehrgängen dieser Art. Als Anregung für weitere Lehrgänge dieser Art nahmen die Referenten mit, beim nächsten mal keine Permanentmarker zu verwenden. Die Trainingsmatte und auch die Lehrgangsteilnehmer wären sicher dankbar.

Thomas Giese